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Liquid Tank #9 | "Fake news" on the rise: Wie können wir als Gesellschaft auf Desinformation reagieren?

In unserem neunten Liquid Tank haben wir mit Dr. Julian Jaursch über das Thema Desinformation gesprochen. Beschäftigt hat uns dabei die Frage, wie wir als Gesellschaft mit Desinformation umgehen können und welche Handlungsoptionen es gibt.

Julian ist Projektleiter im Bereich „Stärkung digitaler Öffentlichkeit“ bei dem gemeinnützigen Think Tank Stiftung Neue Verantwortung (SNV). Dort befasst er sich unter anderem mit Fragen zum Umgang mit Desinformation und zur Regulierung von Tech-Plattformen. Seinen Vortrag und die Diskussion im Anschluss haben wir hier für euch zusammengefasst. Ihr habt den Liquid Tank verpasst und möchtet noch einmal reinhören? Hier und auf YouTube findet ihr ein Video von Julians Vortrag.

Video

Herausforderungen im Umgang mit Desinformation

Einleitend betonte Julian, dass die Verbreitung falscher oder irreführender Inhalte kein neues Phänomen ist – es gab immer schon Lügen oder Propaganda. Aber gerade im digitalen Bereich hat Desinformation ein neues Ausmaß angenommen. Besonders im Hinblick auf Quantität, also die Menge an Desinformation, und Qualität, also die Art der Verbreitung (beispielsweise über Plattformen, Videoportale oder Messenger-Dienste) zeigen sich heute neue Facetten von Desinformation, die die aktuell breite Auseinandersetzung mit dem Thema begründen.

Der Umgang mit Desinformation ist für verschiedene Bereiche eine Herausforderung. Erstens werden einzelne Menschen durch die Konfrontation mit Desinformation in ihrer eigenen politischen Meinungs- und Willensbildung behindert. Bei Gesundheits- oder Sicherheitsthemen kann Desinformation auch eine individuelle Gefahr darstellen. Als zweiten Bereich nennt Julian Institutionen und Prozesse: Beispielsweise stellen falsche oder irreführende Informationen zu Kandidierenden, Parteien, oder dem Wahlablauf eine Herausforderung für Wahlen als demokratische Prozesse dar. Drittens nennt er den gesamtgesellschaftlichen Bereich und den demokratischen Diskurs – Spaltungen innerhalb der Gesellschaft können beispielsweise durch Desinformation betont und verstärkt werden.

Bildschirmaufnahme des neunten Liquid Tanks. Auf dem geteilten Bildschirm sind die Worte "Falschnachricht", "irreführende Verbreitung" und "gefälschte Absender:innen" zu lesen.

Was ist Desinformation?

Im Anschluss ging Julian nochmal genauer auf die Definition von Desinformation ein. Er spricht hier bewusst nicht von Fake News, da dieser Begriff aktuell vor allem benutzt wird, um unliebsame Kritik zu bezeichnen und dabei an der Bedeutung von Desinformation vorbeigeht. Der Begriff Desinformation meint irreführende oder nachweislich falsche Informationen, die gestreut werden, um Personen zu schaden, oder um profitorientierte Ziele zu erreichen. Um diese noch etwas schwammige Definition genauer zu erklären, nannte Julian einige Beispiele, die den Aspekt der Irreführung oder Täuschung exemplarisch verdeutlichen.

Beispielsweise kursierte eine Zeit lang auf Online-Plattformen die Falschnachricht, dass Asylbewerber:innen in Deutschland kostenlos einen Führerschein bekämen. Diese Behauptung war frei erfunden und falsch – durch ihre Veröffentlichung sollte Missgunst geschaffen und die bereits aufgeladene Stimmung in der Migrationsdebatte weiter aufgeheizt werden. Ein weiteres Beispiel beschreibt den Aspekt der irreführenden Verbreitung: Wenn zahlreiche, vermeidlich unterschiedliche Akteure auf einer Online-Plattform eine bestimmte Botschaft verbreiten, entsteht schnell der Eindruck, dass es sich um eine Massenmeinung handelt. Tatsächlich jedoch kann es sein, dass nur ein Account, oder einige wenige, diese Informationen streuen – die Desinformation liegt hier also darin, dass fälschlicherweise vorgetäuscht wird, es handle sich um ein Massenphänomen. Zuletzt kann der Begriff Desinformation auch gefälschte Absender:innen bezeichnen, wenn beispielsweise der Anschein erweckt wird, es gäbe verschiedene gegensätzliche Gruppen oder Seiten zu einer Debatte, jedoch beide Gruppen von der gleichen Quelle finanziert wurden, um die gesellschaftliche Spaltung zu betonen.

„Desinformation hat viele Gesichter und kann zu verschiedenen Themen wie Gesundheit, Krieg oder dem Klimawandel auftreten.“

Welche Handlungsoptionen gibt es?

Für den Umgang mit Desinformation gibt es leider (noch) keine perfekte Lösung, aber Julian zeigte in seinem Vortrag einige hilfreiche Handlungsoptionen auf. Wichtig sei zunächst ein Grundverständnis davon, was Desinformation überhaupt ist. Es handelt sich nicht um punktuelle Ereignisse, sondern Desinformation kann die gesamte politische Willensbildung beeinflussen.

Als weitere wichtige Aspekte nannte Julian die digitale Informations- und Nachrichtenkompetenz, die Forschung und Unterstützung in der Zivilgesellschaft und eine genaue Regulierung von Online-Plattformen mit klaren Sorgfaltspflichten und starker Aufsicht. Keiner dieser Punkte kann für sich alleine stehen und das Problem der Desinformation lösen, sondern vielmehr wirken diese Aspekte wie die Bausteine eines Puzzles, das zusammengesetzt eine Annäherung an das Thema Desinformation darstellen kann.

Zitatkachel Dr. Julian Jaursch: „Desinformation kann nicht nur am Wahltag passieren, sondern kann grundsätzlich die politische Willensbildung behindern.“

Desinformation erkennen

Zuletzt gab Julian einige praktische Tipps zum Erkennen von Desinformation. Hier nannte er vier konkrete Fragen, die man sich bei einer potenziellen Konfrontation mit Desinformation stellen kann:

1) Wer berichtet (aus seriösen Quellen) noch darüber? Gibt es schon Faktenchecks?

2) Ist der Artikel/Inhalt aktuell? (Oder werden beispielsweise alte Bilder aus dem Kontext gerissen und einfach nochmal verwendet?)

3) Wer steckt hinter dem Artikel, Post, Bild? (Wirkt die Quelle seriös? Gibt es ein Impressum? Wird die journalistische Sorgfaltspflicht beachtet? Werden Quellen angegeben und wird auf Faktenchecks verwiesen?)

4) Was ist meine eigene Reaktion? Bin ich emotional involviert? (Soll vielleicht der kognitive Bestätigungsfehler, also die menschliche Neigung, Informationen mehr zu vertrauen, die die eigenen Überzeugungen widerspiegeln, ausgenutzt werden? Welche Emotionen soll der Inhalt womöglich in mir hervorrufen?)

Bildschirmaufnahme des neunten Liquid Tanks. Auf dem geteilten Bildschirm sind die vier Punkte aufgelistet, um Desinformation zu erkennen.

In der anschließenden Diskussionsrunde hatten die Teilnehmer:innen des Liquid Tanks die Möglichkeit, ihre Fragen und Gedanken zum Thema Desinformation einzubringen.

Eine Teilnehmerin stellte Julian die Frage, wie öffentliche Organisationen Desinformation am besten widerlegen könnten. Wichtig sei hier, so Julians Antwort, dass das „Debunking“ die falschen Informationen nicht wieder nach oben spülen dürfe und dass die Desinformation klar widerlegt werden solle, beispielsweise mit einer deutlich sichtbaren Aufschrift „Falsch“ über den falschen Inhalten. Teilweise sei der Prozess des Widerlegens von Falschinformationen im Vergleich zur Verbreitung dieser jedoch relativ langsam. Auch betonte Julian in diesem Kontext die Wichtigkeit von Faktenchecker:innen.

„Faktenchecker:innen leisten einen riesigen Beitrag und wir sollten sie nicht alleine lassen.“

Auch kam die Frage auf, wie Online-Plattformen Desinformation noch wirksamer entgegenwirken könnten. Hier verwies Julian zunächst auf das EU DisinfoLab, das sich mit diesem Thema intensiv beschäftigt. Außerdem könne, so Julian, Regulierung an sich nicht das Problem der Desinformation lösen, dafür müssten mehrere Baustellen zusammenwirken. Trotzdem leistet Regulierung einen wichtigen Beitrag: Gesetze, die zu mehr Transparenz und Rechenschaft auf den Plattformen anregen, würden indirekt eine Wirkung auf den Umgang mit Desinformation haben.

In Bezug auf das Thema Medien- und Nachrichtenkompetenz stellte Julian noch einmal heraus, dass es diese Fähigkeiten über alle Altersgruppen hinweg brauchen würde und dass die Verantwortung zur Bildung dieser Kompetenzen bei verschiedenen Instanzen wie Schulen, Arbeitgeber:innen oder unabhängigen Organisationen läge. Auch sei Desinformation kein alleiniges Problem marginalisierter Gruppen, aber die Inhalte würden sich oft gezielt gegen sie richten. Für die Wurzel des Problems müssten wir also insgesamt verstärkt Themen wie Diskriminierung, strukturellen Rassismus und Sexismus in der Gesellschaft angehen.

Vielen Dank an Dr. Julian Jaursch für den spannenden Vortrag und danke an alle Teilnehmenden fürs Zuhören und Mitdiskutieren!


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