21. Juni 2016

Adhocracy und Facebook im Vergleich

Die meisten unserer Adhocracy-Projekte setzen wir in Zusammenarbeit mit unseren Partnerorganisationen um. Dabei geht es oftmals darum, deren Mitglieder oder Unterstützer*innen  mithilfe unserer Software an kollektiver Ideenfindung, Meinungsbildung oder an verbindlichen Entscheidungen zu beteiligen.


Immer wieder werden wir in diesem Zusammenhang gefragt, weshalb für solche Zwecke nicht auch eine Facebook-Gruppe oder -Seite genügt. Schließlich nutzen die meisten Organisationen Facebook bereits für die Kommunikation nach innen und außen und haben gute Erfahrungen damit gemacht – wir bilden hier schließlich keine Ausnahme. Die enorme Reichweite, die man mit Facebook erzielen kann, spricht für sich. Es liegt zudem nahe, infrage zu stellen, warum Nutzer*innen Adhocracy überhaupt nutzen sollten, gerade wenn sie ohnehin schon einen Facebook-Account besitzen, sich in dem sozialen Netzwerk bestens zurechtfinden und mitunter mehrere Stunden täglich darin verbringen. 


Wir haben diese Frage nun zum Anlass genommen, um einmal aufzulisten, welche Vor- und Nachteile Facebook und Adhocracy für die Umsetzung von demokratischen Beteiligungsprozessen bieten, mit besonderen Augenmerk auf Bedienbarkeit, Transparenz und Privatsphäre.

Allgemeines Profil

Adhocracy

Adhocracy ist eine nicht-profitorientierte und freie Software, mittels derer auf einfache Weise demokratische Beteiligungsprozesse im Internet umgesetzt werden können. Der Liquid Democracy e.V. entwickelt Adhocracy im Zusammenhang mit konkreten Anwendungsfällen, in denen digital vermittelte politische Partizipation nach verschiedenen, organisationsspezifischen Anforderungen erprobt wird.

Auf Adhocracy-Instanzen wird keine Werbung geschaltet, und die durch die Nutzer*innen zur Verfügung gestellten Daten werden in keiner Art verwertbar macht. Es geht weder dem Liquid Democracy e.V. als Lizenzhalter von Adhocracy noch den Initiator*innen der jeweiligen Beteiligungsprojekte darum, mit den persönlichen Daten der Nutzer*innen Profit zu erwirtschaften.


Facebook

Facebook ist eine Aktiengesellschaft, die ihren Umsatz vor allem mit den Daten erwirtschaftet, welche ihre Nutzer*innen während ihrer Interaktionen erstellen. Alle Äußerungen und Beiträge, die auf Facebook veröffentlicht werden, werden potenziell bzw. effektiv gespeichert, analysiert und für Werbezwecke verwertet – dies gilt auch für politische Inhalte. Facebook ist zudem befugt, darüber zu entscheiden, welche politischen Aussagen sie befürwortet und fördert und welche sie untersagt – und das alles frei von institutionalisierter öffentlicher Kontrolle. Denn Nutzer*innen übertragen mit der Zustimmung zu den AGBs das Recht über die Verwendung ihrer Inhalte an Facebook.

Insofern hat Facebook mit der noch immer wachsenden Zahl seiner Nutzer*innen einen erheblichen Einfluss auf die Entwicklung von Themen und politischen Diskursen. Anstatt jedoch offen mit diesem Einfluss umzugehen, verweist das Unternehmen oftmals auf die vermeintlich neutralen Algorithmen, die Themen und Diskurse strukturieren und somit eine demokratische, offene Meinung- und Willensbildung gewährleisten sollen. Algorithmen sind jedoch wie alle Technologien nie neutral, sondern das Ergebnis von individuellen, menschlichen Entscheidungen (siehe weiterführende Links). 

Usability

Adhocracy

Adhocracy ist eine Software, die speziell für die Förderung politischer Partizipation im Internet entwickelt wurde. Sie bietet verschiedene Möglichkeiten, um politische Partizipationsprozesse zu initiieren und daran teilzunehmen. Um dieses Themenfeld mehr Menschen zugänglich zu machen, wird Adhocracy in puncto Bedienbarkeit, Verständlichkeit der Software und Funktionalität stetig verbessert.

Interessierte Nutzer*innen und Projekt-Initiator*innen können zwischen verschiedenen Werkzeugen oder Werkzeug-Kombinationen wählen, je nachdem wie sie sich die Verwirklichung ihres Projektes vorstellen und was am besten dazu passt. Zum Beispiel besteht die Möglichkeit, ein Partizipationsprojekt in verschiedene Phasen einzuteilen, es können Gruppenmanager*innen ernannt werden und es gibt ein Forum für die Sammlung von Ideen oder Ratschlägen für die Durchführung der Projekte. Adhocracy ermöglicht somit beispielsweise Ideensammlung, kollaborative Stadtraumplanung oder öffentliche Konsultation. Die Software soll politische Partizipationsprozesse im Internet vereinfachen und kollaborative Diskurse zwischen den Nutzer*innen fördern.


Facebook

Facebook zeichnet sich durch eine einfache Bedienung aus und ist für seine enge Vernetzung und enorme Reichweite bekannt. Es ist z.B. ziemlich einfach, eine Gruppe zu gründen, Leute dazu einzuladen und darin ein bestimmtes Thema zu diskutieren. Das soziale Netzwerk und die ihm zugrundeliegende Software wurden allerdings nicht für den Zweck der politischen Online-Partizipation entwickelt. Somit weist es diesbezüglich keine idealen Features auf. 

So gestattet der „Gefällt mir“ Button beispielsweise nur die Zustimmung bzw. neuerdings – und nicht auf der Diskussionsebene – den Ausdruck von "Gefühlen" mittels fünf vorgegebener Emoticons. Somit enthält Facebook keine Möglichkeit einer zählbaren, nicht-emotionalen Ablehnung eines Beitrags, welche in einem demokratischen Entscheidungsprozess unabdingbar ist.  

Transparenz

Adhocracy

Adhocracy besitzt einen offenen Quellcode, wodurch jede Organisation und Person gleichermaßen die Software nutzen und von Weiterentwicklungen profitieren kann. Dank der radikalen AGPLv3 Lizenz wird Adhocracy immer eine freie und Open-Source-Software bleiben, denn sie gewährleistet, dass alle Weiterentwicklungen unter der gleichen freien Lizenz veröffentlicht werden. Beiträge zum Adhocracy-Code können jederzeit öffentlich auf GitHub eingesehen werden. Inhalte können auf Adhocracy durch die Nutzer*innen selbstständig gefiltert und sortiert werden, sodass nachvollziehbar bleibt, wie sie dargestellt werden.


Facebook

Facebook wird mit einer proprietären Software betrieben. Es bleibt unklar, was genau mit den Daten der Nutzer*innen geschieht. Ebenso wenig ist einsehbar, wie Facebooks Algorithmen beschaffen sind, wie sie entwickelt und angewendet werden, um Inhalte zu filtern und somit möglicherweise politische Aussagen zu fördern oder gar zu untersagen.

Bezüglich der Erfordernisse der Inklusion und der Transparenz hinsichtlich der Datennutzung bildet die Nutzung von Facebook für demokratische Beteiligungsprozesse ein Dilemma: Um Facebook nutzen zu können, sind Nutzer*innen gezwungen, einen Account mit ihrer echten Identität anzulegen. Viele Menschen entscheiden sich bewusst gegen eine Nutzung von Facebook aufgrund persönlicher Bedenken hinsichtlich ihrer Privatsphäre und der Transparenz des Unternehmens – oder weil sie z.B. ihren echten Namen prinzipiell nicht im Internet angeben wollen. Diese relativ große Gruppe ist demnach von politischer Beteiligung auf Facebook ausgeschlossen.  

Datenschutz

Adhocracy

Adhocracy hält sich an deutsches und europäisches Datenschutzrecht, um die Privatsphäre seiner Nutzer*innen zu garantieren. Die Software sammelt, verarbeitet und bedient sich so wenig persönlichen Daten wie möglich. Darüber hinaus schützt es die Daten der Nutzer*innen, indem es (gemäß dem Bundesdatenschutzrecht, Artikel 3a über Datenvermeidung und Datensparsamkeit) so viele Informationen wie möglich anonymisiert. Zum Beispiel können Nutzer*innen bei der Registrierung frei zwischen ihrem echten Namen oder einem Pseudonym wählen, denn die Registrierung auf einer Adhocracy-Instanz erfordert – je nach Prozess – meistens nicht mehr als die Angabe einer E-Mail-Adresse und eines selbst gewählten Nutzer*innennamens. 


Facebook

Facebook ist eine US-amerikanische Firma, deren Umgang mit Nutzer*innendaten oftmals im Konflikt mit deutschen oder europäischen Datenschutzbestimmungen steht, wie in mehreren Gerichtsurteilen in den letzten Jahren aufgezeigt wurde. Mit der Zustimmung zu Facebooks AGBs stimmen Nutzer*innen der Verwendung ihrer teils sehr sensiblen Daten (wie etwa Aufenthaltsorte oder detaillierte  Lebensgewohnheiten) für die Personalisierung von Werbung zu. 

Fazit

Digital vermittelte, demokratische Beteiligung bringt einige Anforderungen an die dafür verwendete technische Infrastruktur mit sich. Nicht nur die einzelnen, für die Nutzer*innen sichtbaren Funktionen spielen hier eine Rolle, sondern auch Themen wie Transparenz und Datenschutz. 


Wir wollen kommerzielle soziale Medien wie Facebook nicht verteufeln. Viele Millionen Menschen nutzen diese täglich, um mit ihren Freunden, Bekannten und Organisationen zu interagieren. Facebook eignet sich hervorragend dafür, viele Menschen zu erreichen und mit ihnen zu kommunizieren. Wir sind aber überzeugt, dass die Open-Source-Regierungsform Demokratie am Besten mit einer Open-Source-Technologie umgesetzt wird. Diese muss die besonderen Anforderungen für demokratische, offene Beteiligung erfüllen. Damit Adhocracy diesem Anspruch gerecht wird, arbeiten wir täglich daran, es zu verbessern. 

Weiterführende Links


Oliver Wolff auf politik-digital.de – "Algorithmen: Denn sie wissen schon, was du tun wirst"

Will Uremus auf slate.com – "Of Course Facebook is Biased"

René Neumann auf politik-digital.de – "Facebook: Selektive politische Meinungsbildung"