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Online-Beteiligung in der Praxis | Artikel

Hate Speech und Cybermobbing: Digitale Beteiligungsplattformen versus Facebook

Wissenschaft und Praxis zeigen: Die Diskussionen auf digitalen Beteiligungsplattformen sind von viel höherer Qualität als die auf Facebook & Co.

Immer wenn es um digitale Beteiligungsplattformen geht, kommen Zweifel an digitaler Kommunikation auf. Die meisten dieser Bedenken entstammen der Angst, dass sich die Anfeindungen und Beleidigungen, die in sozialen Netzwerken die Debatte bestimmen, genauso auch in den Diskussionen auf digitalen Beteiligungsplattformen wiederfinden. Dass also der Dialog zwischen Bürger:innen und der Politik zu einem Chaos aus Beleidigungen und unsachlichen Beiträgen entwickelt. Die Angst ist berechtigt, denn viele Menschen erleben im Internet Hass und Anfeindungen und werden dadurch von der Teilnahme an Debatten auf sozialen Netzwerken abgeschreckt. Wissenschaft und Praxis zeigen jedoch: Die Diskussionen auf digitalen Beteiligungsplattformen ist von viel höherer Qualität als die auf Facebook & Co.

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Bild zeigt fliegende Fäuste und einen Computer, CC-BY-SA 4.0 Liquid Democracy e.V. / Moritz Ritter

Hate Speech ist eine Gefahr für die demokratische Meinungsbildung im Internet

Phänomene wie Hate Speech (Hassrede) oder Cyber-Mobbing haben in den letzten Jahren viel Aufmerksamkeit bekommen. Tatsächlich belegen Studien, dass schlechte Diskussionsqualität ein ernsthaftes Problem für Online-Diskussionen darstellt und letztlich sogar die demokratische Meinungsbildung im Internet bedroht, da potentielle Teilnehmer:innen immer mehr davon abgeschreckt werden. Die Hälfte der befragten hessischen Internetnutzer*innen gab in einer Studie an, dass sie wegen Hassrede weniger politische Meinungen im Internet teilten und sich weniger an Online-Diskussionen beteiligen (vgl. Institut für Demokratie und Zivilgesellschaft 2018). Zum gleichen Ergebnis kam eine Umfrage unter 650 deutschen Internetnutzer*innen (vgl. Springer et al. 2015). Eine Studie unter US-Internetnutzer*innen ergab 2016, dass ein Drittel von ihnen aus Angst vor Anfeindungen und Hass keine Online-Beiträge lesen oder sich nicht an Online-Diskussionen beteiligen (vgl. Stroud et al. 2016). Wichtig ist zudem, dass gesellschaftliche Gruppen unterschiedlich stark von dem Phänomen betroffen sind. Dazu hat die britische Zeitung „The Guardian“ eine Studie mit Daten aus deren eigenen Online-Kommentar-Spalten durchgeführt. Das Ergebnis war, dass genau die Personen, die auch in der nicht-digitalen Welt, Anfeindungen und Hassrede erleben, diesen Problemen auch online ausgesetzt sind. Kommentarspalten unter Artikeln von weiblichen Autorinnen, Personen of Color, Autor:innen religiöser oder sexueller Minderheiten erfahren deutlich mehr Online-Belästigung als zum Beispiel männliche Autoren (vgl. The Guardian 2016). Wir leben in einer Welt, der in der aber politische Informationen, Kommunikation und Willensbildung zunehmend online stattfindet, vor allem in Sozialen Netzwerken wie Facebook und Twitter. Deshalb ist die Erkenntnis der Studien, dass sich Menschen aus diesen Diskussionen zurückziehen auch eine ernsthafte Gefahr für die demokratische Meinungsbildung. Digitale Beteiligungsplattformen, wie zum Beispiel Adhocracy des Liquid Democracy e.V., sind aber exakt für diesen Zweck erdacht und gebaut worden: politische Diskussionen zwischen Bürger:innen, Politik und Verwaltung online zu ermöglichen. Das Ziel dieser Plattformen ist eine möglichst sachliche, transparente und inklusive Diskussion zu ermöglichen. Die Frage ist, ob die Diskussion auf diesen Plattformen wirklich besser gelingt als auf Facebook, Twitter und den zahlreichen anderen Netzwerken.

Facebook versus Beteiligungsplattform

In einer vergleichenden Studie haben Wissenschaftler:innen rund um Katharina Esau an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf untersucht, wie sich die Diskussionsqualität auf drei verschiedenen digitalen Plattformen unterscheidet (vgl. Esau et al. 2021). Dazu wurden Online-Diskussionen aus dem Jahr 2015 mit jeweils ca. 700 Kommentaren von zum selben Thema – Unterbringung von Geflüchteten in Deutschland – inhaltlich ausgewertet. Eine Diskussion fand auf einer digitalen Beteiligungsplattform des Liquid Democracy e.V. auf Basis der Software Adhocracy statt, eine die weiteren Diskussionen in Kommentarspalten großer News-Websites (u.a. Welt Online und Zeit Online) und die dritte Diskussionsreihe in einer Facebook-Gruppe. Die Studie zeigt deutlich: Die Diskussionen auf der Beteiligungsplattform waren in allen Belangen von höherer Qualität als die auf Facebook (siehe Tabelle 1). Nur bei der Konstruktivität der Beiträge war der Unterschied zu klein, um wirklich eindeutig zu sein. Den größten Unterschied zwischen der Adhocracy-Plattform und Facebook weist die Diskussion in den Bereichen Argumentation und Negative Gefühlsäußerungen auf. Ca. 32 % mehr Kommentare auf der Adhocracy-Plattform waren mit Argumenten versehen, während auf Facebook im Vergleich zu Adhocracy ca. 35 % mehr Beiträge negative Gefühlsäußerungen enthielten.

Bereiche der Diskussionsqualität Anteil der Beiträge auf Facebook Anteil der Beiträge auf der Adhocracy Plattform
1 / Thematische Relevanz 94,3 % 99,2 %
2 / Argumentation 35,6 % 67,8 %
3 / Sich auf andere beziehen 28,6 % 37,3 %
4 / Respekt 82,7 % 98,5 %
5 / Konstruktivität 3,3 % 5,1 %
6 / Enthält Geschichtenerzählung 28,4 % 31,3 %
7 / Positive Gefühlsäußerungen 9,6 % 18,2 %
8 / Negative Gefühlsäußerungen 48,4 % 12,3 %


Tabelle 1 ( gekürzt nach Esau et al. 2021, S. 104)

Was macht den Unterschied aus?

Warum die Diskussionen auf Facebook und digitalen Beteiligungsplattformen so unterschiedlich verlaufen ist vermutlich auf viele Gründe zurückzuführen. Aber schon in ihrem grundsätzlichen Ziel, mit dem die Plattformen entwickelt werden, unterscheiden sie sich deutlich. Facebook und die anderen Sozialen Netzwerke sind mit dem Ziel gebaut, Nutzer:innen möglichst lange auf den Plattformen zu halten, damit sie dort Daten von sich preisgeben und Werbung konsumieren. Die Funktionen und Algorithmen der Sozialen Netzwerke zielen deshalb darauf ab, die Nutzer:innen konstant mit Inhalten und Diskussionen zu bombardieren und ihnen zu suggerieren, dass sie konstant eigene Inhalte erstellen müssen. Digitale Beteiligungsplattformen dagegen zielen darauf ab, einen zielgerichteten Dialog zu führen, bei dem es um konkrete Fragestellungen geht. Auf Plattformen für digitale Beteiligung gibt es meistens wenig bis keine Funktionen, die Selbstdarstellung einzelner Teilnehmer:innen oder das ständige Verfassen von Beiträgen befördern. Insgesamt gibt es also schon in der Zielsetzung der digitalen Plattformen wenig Anreize für Teilnehmer:innen, sich mit Hassrede oder anderer toxischer Kommunikation hervorzutun. Trotz der ermutigenden Ergebnisse gibt es noch viel zu tun. In der Erforschung der Gründe von Hassrede und Anfeindungen in Online-Diskussionen und welche gesellschaftlichen Gruppen darunter leiden, muss mehr getan werden, damit das Problem noch effektiver bearbeitet werden kann. Ein wichtiger Punkt ist aber auch: Als politische Partei, Initiative oder öffentliche Verwaltung sollte man statt auf Facebook & Co lieber auf digitale Beteiligungsplattformen setzen, um mit Bürger:innen in den Dialog zu treten. Bis diese Erkenntnis sich durchgesetzt hat und dafür überall die Voraussetzungen geschaffen worden sind, ist noch viel Arbeit nötig.

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Letzte Aktualisierung des Artikels: 28.05.2021

Quellen

Esau, K., Fleuß, D. and Nienhaus, S.-M. (2021), Different Arenas, Different Deliberative Quality? Using a Systemic Framework to Evaluate Online Deliberation on Immigration Policy in Germany. Policy & Internet, 13: 86-112. Link

Institut für Demokratie und Zivilgesellschaft (2018): #Hass im Netz: Der schleichende Angriff auf unsere Demokratie. Link

Springer, N., Engelmann, I., & Pfaffinger, C. (2015). User comments: motives and inhibitors to write and read. Information, Communication & Society, 18(7), 798–815. Link

Stroud, N. J., van Duyn, E., & Peacock, C. (2016). News Commenters and News Comment Readers. Link.

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