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Digitale Zivilgesellschaft | Video

Liquid Tank #8: Barrierefreie Beteiligung – Wie können wir Demokratie inklusiver gestalten?

In der achten Ausgabe unserer Liquid Tank Reihe haben wir mit Dr. Irmhild Rogalla über digitale Barrierefreiheit in Beteiligungsprojekten und wichtige Voraussetzungen für einen Austausch auf Augenhöhe gesprochen.

Wie funktioniert barrierefreie Beteiligung im Netz? In unserem achten Liquid Tank hatten wir Dr. Irmhild Rogalla, Leiterin des Instituts für digitale Teilhabe an der Hochschule Bremen, zu Gast. Mit uns hat sie über barrierefreie Beteiligung gesprochen und wichtige Erkenntnisse aus dem Projekt „Partii – Partizipation inklusiv“ geteilt.

Dr. Rogallas Vortrag und die anschließende Diskussion haben wir hier für euch zusammengefasst. Ihr habt die Veranstaltung verpasst oder wollt noch einmal reinschauen? Hier und auf YouTube findet ihr ein Video vom Vortrag.

Video

Institut für digitale Teilhabe

Zu Beginn stellte Dr. Rogalla das Institut für digitale Teilhabe vor, das letztes Jahr an der Hochschule Bremen gegründet wurde und an den beiden Fakultäten Informatik und Wirtschaftswissenschaften angesiedelt ist. Das Institut versteht sich als Brücke zwischen Anwender:innen, Entwickler:innen und Verantwortlichen und verfolgt das Ziel, digitale Teilhabe für alle zu ermöglichen, insbesondere in der Arbeitswelt.

Projekt Partii– Partizipation inklusiv

Zuvor beschäftigte sich Dr. Rogalla am Institut für praktische Interdisziplinarität in dem Projekt „Partii – Partizipation inklusiv“ mit der Frage, wie Menschen mit verschiedenen Behinderungen angemessen in Partizipationsprozesse einbezogen werden können. Das Projekt wurde vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) gefördert und zwischen November 2020 und April 2021 durchgeführt. Ziel war es, ein Konzept zu entwickeln, wie Menschen mit Behinderungen angemessen in die Partizipationsinitiative des BMBFs im Wissenschaftsjahr 2022 einbezogen werden können. Konkret sollte ein Beteiligungsprozess gestaltet werden, der es möglichst vielen Menschen mit Behinderungen erlaubt, Fragen an die Wissenschaft zu stellen.

Ausgangspunkt war die Auseinandersetzung mit den Anforderungen an Zugänglichkeit, dem sinnvollen Einsatz möglicher Tools sowie die Frage, über welche (Social-Media) Kanäle Menschen mit Behinderungen auf das Projekt aufmerksam gemacht werden können. Darauf aufbauend wurde eine auf Wordpress basierende barrierefreie Webseite entwickelt, die das Einreichen von Fragen an die Wissenschaft ermöglichte. Sie wurde von Menschen mit verschiedenen Behinderungen getestet und darauf aufbauend optimiert. Eine Herausforderung bestand darin, allen Beteiligten kommunikativ angemessene Möglichkeiten zur Einreichung ihrer Fragen zur Verfügung zu stellen (z.B. mittels Video in Gebärdensprache oder via Sprachnachrichten). Eine weitere Herausforderung waren sich widersprechende Ansprüche, wenn beispielsweise die Screenreader-Lesbarkeit dadurch gestört wurde, dass Videos in Gebärdensprache in die Webseite eingebettet wurden. Diese und weitere Learnings des Projekts wurden am Ende in einer Broschüre festgehalten. Dr. Rogalla betonte, dass auch im Rahmen dieses Projektes aus Unkenntnis Fehler in der Zugänglichkeit gemacht wurden (z.B. die Nutzung einer nicht genormten, viel zu großen Brailleschrift), und spricht sich für eine offene Fehlerkultur aus:

„Das sind Dinge, die weiß man einfach nicht. Die lernt man dann, wenn man sie tut.“

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Ergebnisse

Anschließend stellte Dr. Rogalla die wichtigsten Ergebnisse aus dem Projekt „Partii – Partizipation inklusiv“ vor. So sind die Anforderungen an Zugänglichkeit digitaler Partizipation unterschiedlich und abhängig von der Art der Behinderung bzw. Beeinträchtigung. Beispielsweise ist für sehbehinderte Menschen der digitale Raum nicht ohne Weiteres zugänglich. Daher sollten die technischen Voraussetzungen (Screenreader-Kompatibilität, Kontraste, Schriftgrößen etc.) unbedingt gegeben sein, um diese Personengruppe nicht auszuschließen. Anders ist es wiederum bei Menschen mit Hörbehinderung, die auf inhaltlich ausführliche und kontextbezogene Untertitel in audiovisuellen Beiträgen angewiesen sind. Für Menschen mit Autismus Spektrum Störungen hingegen ist es wichtig, dass Oberflächen möglichst bewegungsarm und gut zu steuern sind. Klar ist: Besonders anspruchsvoll wird es, wenn Menschen mit unterschiedlichen Beeinträchtigungen einbezogen werden sollen oder wenn nicht klar ist, welche Beeinträchtigungen in der Zielgruppe vorliegen.

Die Anforderungen an Zugänglichkeit sind aber auch abhängig von der Art der Beteiligung und der jeweiligen Interaktion (beispielsweise formell oder informell, synchron oder asynchron, digital oder real, mündlich oder schriftlich, etc.). Es können sich dadurch teilweise sehr interessante Kombinationen aus der Art der Kommunikation und der Art der Beeinträchtigung ergeben – manche funktionieren gut, andere weniger gut.

„Wer digitale Partizipation für alle machen will, sollte die technische, kommunikative und organisationale Barrierefreiheit mitdenken.“

Was braucht es also konkret, um barrierefreie digitale Partizipation zu ermöglichen? Hier betonte Dr. Rogalla zum Abschluss ihres Vortrags drei wesentliche Punkte:

  1. technische Barrierefreiheit
  2. kommunikative Barrierefreiheit
  3. organisationale Barrierefreiheit

Die technische Barrierefreiheit gilt als absolute Mindestanforderung und meint insbesondere die Kompatibilität mit den W3C Accessibility Guidelines. Die kommunikative Barrierefreiheit ist jeweils abhängig von Zielgruppe und Kontext: Hier kann beispielsweise das Bereitstellen von wichtigen Informationen in leichter Sprache oder in Gebärdensprache gemeint sein. Die organisationale Barrierefreiheit betrifft besonders Aspekte, die Menschen eine angemessene und wertschätzende Beteiligung ermöglichen sollen – beispielsweise ein klarer, bereits feststehender Veranstaltungsablauf oder das Einhalten regelmäßiger Pausen von mindestens 15 Minuten bei Online-Events. Wichtig ist, dass alle drei Faktoren berücksichtigt werden müssen, um digitale Partizipation für alle zu ermöglichen.

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In der an den Vortrag anschließenden Diskussion und Fragerunde ging es ganz praktisch um die (technische) Umsetzung, wichtige Guidelines und rechtliche Bedingungen.

Zielgruppen

Gestalter:innen von Partizipationsprozessen sollten sich zu Beginn über ihre Zielgruppen klarwerden, so Dr. Rogalla. Eine komplette Barrierefreiheit für alle in jedem Verfahren sei aktuell unmöglich und man könne sich dem nur annähern. Die Frage sei also eher: „Wen wollen Sie adressieren und wen können Sie überhaupt adressieren?“ Ist die Zielgruppe sehr breit, z.B. in kommunalen Beteiligungsprozessen, kann es helfen, direkt auf vor Ort ansässige Organisationen zuzugehen.

Erreichbarkeit

Menschen mit Behinderungen sollten möglichst von Anfang an in die Gestaltung von Beteiligungsprozessen einbezogen werden. Aber wie können Menschen erreicht werden, die entsprechende Erfahrungen haben? Dr. Rogalla berichtete uns, wie sie bei Partii vorgegangen sind: Über eine Recherche in den sozialen Netzwerken wurden Menschen gesucht und angeschrieben, die im Internet aktiv sind und beispielsweise dort Aufklärungsarbeit machen. Ein Tipp aus der Praxis: Wenn man konkret nach Tester:innen für neue Tools sucht, gibt es hier auch die Möglichkeit, über spezifische Dienstleister oder Werkstätten mit entsprechenden Angeboten zu gehen.

Guidelines

Welche Richtlinien sind sinnvoll im Umgang mit Barrierefreiheit? Der deutsche BITV 2.0 sei ein guter Standard, meint Dr. Rogalla, da er dem WCAG 2.0 voll entspreche und sogar darüber hinausgehe. Aktuell sei auch der Entwurf der neuen WCAG 3.0 Standards in Arbeit. Als Handbuch zur Orientierung seien die WCAG Guidelines aber auch sehr hilfreich, da die Ziele zwar teilweise etwas abstrakt formuliert seien, aber anhand von konkreten Beispielen erklärt würden. Wichtig sei hier, vor allem von Anfang an auf das Design zu achten und nicht nur auf technische Aspekte.

Learnings aus Partii

Die Rückmeldungen der Webseite-Tester:innen seien im Projekt Partii sehr unterschiedlich gewesen. So wurden beispielweise die Übersetzungen in Gebärdensprache gelobt, da alles übersetzt wurde – bis auf die Datenschutzerklärung, die lediglich zusammengefasst wurde. Das fanden die meisten Teilnehmenden aber sogar sehr gut: endlich mal eine leicht verständliche Datenschutzerklärung! Andererseits kritisierten beispielsweise Tester:innen aus dem Autismus Spektrum die Videos der Dolmetscher:innen, da ihnen die vielen Bewegungen und wechselnden Farben die Bedienung der Website erschwerten.

Insgesamt stecke in den verschiedenen Formen von Barrierefreiheit noch massiver Forschungsbedarf, so Dr. Rogalla. Es gebe einen großen Bedarf an Barrierefreiheit und die Hindernisse werden immer deutlicher. Die Lösungen allerdings bräuchten noch Zeit.

„Es wird gerade erst klar, was alles möglich ist.“

Aktuelle Entwicklungen

Zum Ende unserer Diskussion kam die Frage auf, ob die Pandemie dazu geführt habe, das Thema Barrierefreiheit zu stärken. Dr. Rogallas Einschätzung nach sei vor allem der Bedarf nach kommunikativer Barrierefreiheit stärker geworden. Die Förderbereitschaft sei leicht gestiegen, allerdings hätte es diese Entwicklung auch schon vor COVID-19 gegeben. Durch den European Accessibility Act sind nun nicht nur öffentliche Verwaltungen zu digitaler Barrierefreiheit verpflichtet, sondern auch Teile der Privatwirtschaft, wodurch mehr Branchen und Organisationen darauf aufmerksam würden.

Wir bedanken uns herzlich bei Dr. Irmhild Rogalla für den spannenden Input und bei allen Teilnehmenden fürs Zuhören und Diskutieren!


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Ihr habt Feedback zum Liquid Tank oder Vorschläge, wen wir als nächstes einladen sollen? Besucht uns auf adhocracy.plus/liquid-tank/ oder schreibt uns unter liquid.tank@liqd.net.

Stand: 28.02.2022

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