1. Juli 2021

Liquid Tank #6 Bürgerrat goes digital! Ausnahme oder Format für die Zukunft?

Auch Bürgerräte bleiben von Corona nicht verschont. “Abstand halten” lautet die Regel. Die Folge: Wie viele andere Projekte wurde der Bürgerrat “Deutschlands Rolle in der Welt” in den digitalen Raum verlegt. Im Januar und Februar dieses Jahres gab es so erstmals einen bundesweiten virtuellen Bürgerrat, – mitorganisiert von Dorothea Vogelgsang vom Institut für Partizipatives Gestalten (IPG). Dorothea ist Politikwissenschaftlerin und unterstützt seit 2019 das IPG bei der Konzeption, Durchführung und Nachbereitung von Beteiligungsprozessen.

Mit ihr und zahlreichen Teilnehmer:innen haben wir uns in unserem sechsten Liquid Tank über praktische Fragen rund um die Umsetzung des digitalen Bürgerrats, ihre Erfahrungen und was wir daraus lernen können ausgetauscht. Dorotheas Vortrag und unsere Diskussion haben wir hier für euch anhand einiger Fragen zusammengefasst. 

Ihr habt die Veranstaltung verpasst oder wollt noch einmal reinschauen? Dorotheas Vortrag haben wir hier für euch aufgezeichnet.

Infokachel des sechten Liquid Tanks mit dem Titel und Datum auf der rechten und einem Bild der Speakerin Dorothea Vogelsang auf der linken Seite.

Was ist das Ziel eines Bürgerrates und wie funktioniert er?

In Bürgerräten sollen kontroverse politische Themen mit einer diversen Gruppe von Bürger:innen über einen längeren Zeitraum bearbeitet werden. Dadurch sollen die Teilnehmenden tief in das Thema eintauchen und gemeinsam ausgewogenen Empfehlungen an die Politik erarbeiten. Bürgerräte sollen die gesellschaftliche Vielfalt Deutschlands repräsentieren und eine Art „Mini-Deutschland“ darstellen. Deshalb wurde im bundesweiten Bürgerrat “Deutschlands Rolle in der Welt” von einem losbasierten Verfahren Gebrauch gemacht, in dem 160 Teilnehmer:innen unterschiedlichen Alters, Bildungsstandes, Geschlechts und kulturellen Backgrounds ausgewählt und per Brief eingeladen wurden. Mehr dazu findet ihr auf der Website.

Bildschirmaufnahme des sechsten Liquid Tanks mit den Logos der verschiedenen am Bürgerrat beteiligten Initiativen und Institutionen.

Welche digitalen Tools wurden verwendet?

In dem digitalen Bürgerrat wurde von den Tools Zoom, Mural und Howspace Gebrauch gemacht. Howspace wurde als zentrales Tool zur Interaktion für Umfragen und für wichtige Informationen wie Tagespläne, Ergebnisse und Präsentationen verwendet. Zoom fungierte als Konferenztool, wo sich in den Sitzungen begegnet wurde und auch als Aufnahmetool zur Dokumentation. Und auf dem Mural konnte das Orga-Team die Ergebnisse aus den Gruppen dokumentieren.

Was für Chancen und Herausforderungen bringt ein digitaler Bürgerrat mit sich?

Chancen

Der digitale Bürgerrat schafft Zugänge und ermöglicht eine ortsunabhängige und flexible Beteiligungsmöglichkeit für Menschen mit diversen Backgrounds, Wissensständen und Lebensumständen. So werden diejenigen mit einbezogen, die nicht zum Bürgerrat hätten anreisen können, wie u.a. Eltern mit kleinen Kindern oder Referent:innen die sich nicht am Veranstaltungsort befinden. Ebenfalls ermöglicht der digitale Bürgerrat Raum für das Stellen und Sammeln von Fragen, da sie sowohl über die Chatfunktion als auch auditiv gestellt werden können. Ein weiterer Vorteil eines digitalen Bürgerrates liegt in der Dokumentation der Sitzungen, welche durch die Aufzeichnung durch Zoom ermöglicht wird. Der digitale Bürgerrat zeigt, wie hilfreich digitale Tools sind, um Beiträge und Sitzungen kreativ und zugänglich umzusetzen. 

Bildschirmaufnahme des sechtsten Liquid Tanks mit Bildern und Grafiken aus dem Projekt Bürgerrat.

Herausforderungen

Die Umsetzung eines digitalen Bürgerrates ist mit viel Aufwand verbunden. Zudem sind nicht alle Teilnehmer:innen unbedingt digital versiert und haben eine gute Internetverbindung und die entsprechende technische Ausstattung. Das wurde versucht dadurch aufzufangen, dass das Support-Team die Teilnehmenden stets über Telefon, Chat und auch in Person eng betreute.

Auch die Aufmerksamkeitsspanne in digitalen Formaten wie dem Bürgerrat ist geringer, als wenn die Veranstaltung analog stattfinden würde. Deshalb ist es wichtig, genügend Zeit für Pausen zwischen den einzelnen Terminen einzuplanen. Und natürlich sind die zwischenmenschlichen Kontakte im digitalen Raum erschwert. Die Herausforderung liegt also darin, die Pausen im digitalen Bürgerrat gezielt einzusetzen, sodass die Balance zwischen Erholung und sozialer Nähe und Austausch gut gestaltet werden kann.

Vorschläge für zukünftige Bürgerräte

Zum Ende des Liquid Tanks haben wir praktische Tipps und Vorschläge für zukünftige Bürgerräte mit den Teilnehmer:innen gesammelt.  

Dorothea wandte ein, dass sich in zukünftigen Bürgerräten verstärkt mit der Frage “Wie lade ich Teilnehmer:innen ein?” auseinandergesetzt werden sollte. Es wurde auch diskutiert, ob es parallellaufende öffentliche Beteiligungsverfahren geben sollte, bei denen alle Interessierten mitmachen können. Außerdem sollte sich zukünftig darüber Gedanken gemacht werden, wie man die Balance zwischen fachlichen Input und Erholung schaffen kann und wie früh man die Wortbeiträge der Teilnehmer:innen in die Sitzungen einbezieht.

Um die Problematik der technischen Schwierigkeiten zu überwinden, wurde zudem von einem Teilnehmer der Organisation “Es geht Los” empfohlen, zukünftig Räume zu schaffen, wo Endgeräte und technischer Support zur Verfügung gestellt werden.


„Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Beteiligungskultur auf eine reine analoge Kultur zurückgeht.“ – Dorothea Vogelgsang


Verschiedene Teilnehmer:innen schlugen vor, mehr über hybride Veranstaltungen nachzudenken, in denen der Input digital vermittelt wird und der Austausch und die Vernetzungsmöglichkeiten analog stattfinden. Gleichzeitig wurde aber auch betont, dass hybride Formate mit großem Aufwand verbunden sind und mit ganz eigenen Herausforderungen kommen. Eins aber steht fest: Enden sollten sie mit einer großen Abschlussparty!

Der digitale Bürgerrat bleibt eine Herausforderung, aber auch eine Chance für flexible, ortsunabhängige und kreative digitale Beteiligung. Wir sind gespannt, was die Zukunft bringt!

Wir bedanke uns bei allen Teilnehmer:innen für die angeregte Diskussion und die vielen Ideen – und freuen uns schon auf den nächsten Liquid Tank!


Um rechtzeitig von unseren Events zu erfahren und neuen Input zu digitaler Demokratie zu bekommen, abonniert unseren Newsletter.

Ihr habt Feedback zum Liquid Tank oder Vorschläge, wen wir als nächstes einladen sollen? Besucht uns auf adhocracy.plus/liquid-tank/ oder schreibt uns unter hallo@liqd.net.