22. Januar 2026
"Intersektionalität ist kein Luxus!"
Im Oktober haben sich etwa 40 Teilnehmende im Rahmen des neuen Projektes „Zukunft D” getroffen, um sich einem wichtigen Thema zu widmen – Intersektionalität. Die Politologin, Autorin und Aktivistin Dr. Emilia Roig zeigte dabei auf, wie tief gesellschaftliche Hierarchien in unserem Alltag verwurzelt sind. Ihr Workshop „Intersektionalität ist kein Luxus!” bildete den Auftakt einer Weiterbildungsreihe, die sich mit verschiedenen Aspekten der Vielfaltgestaltung beschäftigen wird.
Identität und Perspektiven
Zu Beginn der Veranstaltung gab es ein kurzes „Speed-Dating”, bei dem Fragen zur eigenen Identität und eigenen Erfahrungen gestellt wurden. In sieben kurzen Gesprächen ging es um Privilegien, Entscheidungen und Selbstwahrnehmung.
Eine wichtige Erkenntnis dabei war, dass Intersektionalität nichts Abstraktes ist, sondern Teil unseres Alltags. Sie beeinflusst, wie wir denken, handeln und Entscheidungen treffen.
Wie Unterschiede zu Hierarchie werden
Emilia Roig führte anschaulich in das analytische Konzept ein: Schon früh lernen wir, zwischen Menschen nach ihrem Aussehen, ihrer Herkunft, ihrem Geschlecht oder ihrer Körperform zu unterscheiden. Diese Unterschiede sind nicht das Problem an sich. Problematisch werden sie erst, wenn sie hierarchisch bewertet werden. Unterdrückung ist laut Roig kein Zufall, sondern ein System, das bestimmten Gruppen Vorteile sichert. So entstehen Gefüge, in denen bestimmte Identitäten, wie zum Beispiel „weiß”, „männlich” oder „gesund”, strukturell bevorzugt werden. Roig machte deutlich: Identitäten sind soziale Konstrukte, aber prägen dennoch die Lebensrealität.
Sie beeinflussen beispielsweise den Zugang zu Chancen, Ressourcen und Anerkennung.
Die vier Dimensionen der Diskriminierung
Diskriminierung lässt sich nur verstehen, wenn alle vier Ebenen berücksichtigt werden:
1. Die individuelle Ebene: persönliche Handlungen und Vorurteile
2. Die strukturelle Ebene: gesellschaftliche Normen, Muster oder Gesetze
3. Die institutionelle Ebene: Regeln, Praktiken oder Verfahrensweisen
4. Die historische Ebene: überlieferte Machtverhältnisse
Oft wird Diskriminierung lediglich auf der individuellen Ebene betrachtet. Doch echte Veränderung beginnt erst dann, wenn das Zusammenspiel und die Verbundenheit dieser vier Dimensionen erkannt wird.
Diskussion und Reflektion
In vier Gruppen diskutierten die Teilnehmenden anschließend, wie man das Gelernte nutzen kann, um in Zukunft intersektionale Ansätze besser einzubinden – und zwar so, dass das Gelernte nicht nur theoretisch bleibt, sondern auch in die Tat umgesetzt werden kann. Im Projektkontext wurde beispielsweise diskutiert, wie bei der Veranstaltungsorganisation Barrieren, Ausschlüsse und Mehrfachdiskriminierung systematisch mitgedacht werden können, um spezifische Bedürfnisse besser zu berücksichtigen.
Fazit
Der Workshop hat verdeutlicht, dass Intersektionalität keine abstrakte Theorie oder Trend ist, sondern ein zentraler Ansatz, um Ungleichheitsstrukturen zu erkennen und abzubauen.
Der Begriff „Intersektionalität” wurde von der afroamerikanischen Professorin, Juristin und Bürgerrechtsaktivisten Kimberlé Crenshaw geprägt. Sie veranschaulichte das Konzept mit der Metapher der Straßenkreuzung (“intersection”), an der unterschiedliche Diskriminierungsachsen zusammenlaufen und sich überschneiden. Wenn wir verstehen, wie verschiedene Formen von Diskriminierungs- und Privilegierungserfahrungen zusammenwirken, können wir bewusster handeln und daran arbeiten, eine Gesellschaft zu fördern, in der Vielfalt selbstverständlich ist und Gerechtigkeit nicht eindimensional gedacht wird. Dies macht Intersektionalität zu einer grundlegenden Voraussetzung für eine gerechte soziale und politische Praxis.
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Über Zukunft D
Zukunft D ist eine neue Initiative zur Stärkung der Demokratie in einer digitalisierten, vernetzten Gesellschaft. Das Projekt, getragen von AlgorithmWatch, aula, Liquid Democracy, der Schwarzkopf-Stiftung Junges Europa und Wikimedia Deutschland, wird in diesem Bereich Kompetenzen aufbauen, Wissensaustausch ermöglichen und für bundesweite Vernetzung sorgen. Es steht für mehr Teilhabe, einfache und gerechte Zugänge zu Informationen, sichere Daten, öffentliche Infrastrukturen sowie transparente Entscheidungsfindungen und offene Datenzugänge.
Zukunft D ist ein Kooperationsverbund, gefördert im Rahmen des Bundesprogramms „Demokratie leben!" vom Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend im Programmbereich „Entwicklung einer bundeszentralen Infrastruktur".